VIII. Die Glocken

Abbildung 25In Wunstorf gibt es seit dem frühen 15. Jahrhundert Kirchenglocken. Das deutsche Wort Glocke kommt aus dem mittellateinischen ‚clocca' und ist mit dem irischen ‚cloch', dem französichen ‚cloche' und dem russischen ‚Kolokol' verwandt. Unter den Musikinstrumenten nimmt die Glocke einen Platz eigener Art ein. Sie ist nach Material (meist Bronze), Form und Klang ein Einzelgänger und will ausschließlich im Freien gehört werden. Sie verträgt sich mit keinem anderen Instrument, außer mit ihresgleichen im vielstimmigen Geläut.
Asien, die Heimat des Erzgusses, ist auch das Geburtsland der Glocken. Über die Völkerwanderungsstraßen hat sie sich in mehreren Strömen nach Westen verbreitet. Von den Kelten ist bekannt, daß sie die Glocke von Vorderasien über Griechenland, Italien und Gallien bis nach Schottland und Irland mitgeführt haben. Irisch-schottische Mönche haben mit der Christianisierung von Norden her zugleich auch der Kirchenglocke den Weg gebahnt.
Die mittel- und nordeuropäischen Glocken schwingen mitsamt dem Klöppel um die waagerechte Achse des Glockenjochs. Außer den so erzeugten Schlagtönen summieren sich die gleichzeitig mit angeregten Teiltöne zu dem uns vertrauten schwebenden Summen, das unser Ohr als typische Glockenmusik empfindet.
Etwa seit dem 14. Jahrhundert sind in Süd- Mittel- und Westdeutschland Gießereien fest ansässig und damit vielfach im Familienbesitz, der sich durch Generationen fortsetzt.
Im Dachreiter der Stiftskirche hängt Wunstorfs älteste Glocke, die um 1400 gegossene Viertelstundenglocke; gleich ihrer Schwester, der Stundenschlagsglocke aus dem Jahr 1859, wird sie mittels eines Hammers von außen angeschlagen.
Die Glockenstube des Stiftskirchenturms beherbergt vier Glocken, musikalisch fein auf die Töne H, d, e, und fis abgestimmt, wobei die e-Glocke - 1727 von Thomas Rideweg in Hannover gegossen - bis 1964 im Stadtkirchenturm gehangen hat. Aus der Inschrift geht hervor, daß sie während der Amtszeit des Superintendenten F.I.Schrader und der Geistlichen L.I.Ohms und J.H.Häberlin gefertigt wurde. Auch die Namen des Consuls Joh.J.Zorn und der Senatoren Joh.C.Ketler und Bernhard Martini und endlich des Stadtkämmerers Johann Kemma werden genannt. Die übrigen drei Glocken wurden sämtlich im Auftrag der Klosterkammer Hannover in der Glockengießerei Radler in Hildesheim gegossen.
Die tiefste H-Glocke, die beim Vaterunser-Gebet siebenmal angeschlagen wird, stammt aus dem Jahr 1898. Die d-Glocke von 1926 ist deswegen bemerkenswert, da sie außer den Jahreszahlen 1914-1918 zum Gedenken an den 1. Weltkrieg viele Namen trägt, die noch heute in Wunstorf geläufig sind. Außer den beiden Geistlichen Superintendent Otto Gehrke und Pastor Julius Schulze finden sich noch Namen der Kirchenvorsteher Heinrich Grünthal, Heinrich Kramer, Paul Meier, Fritz Prediger, Wilhelm Sölter und August Wolter.
Die kleinste GlockeDie kleine fis-Glocke wurde ebenfalls 1926 in Hildesheim gegossen, blieb aber äußerlich schmucklos. Die d- und die fis-Glocke waren in den letzten Kriegsjahren bereits zum Einschmelzen abgenommen worden, wurden dann aber zum Glück vergessen und so glücklich bewahrt.
Glocken geben das Geleit auf dem Lebensweg. Zur Taufe erklingt nur die kleine vierte Glocke, zur Trauung die dritte und vierte; zum letzten Gang mischt sich der schwere, ernste Klang der ersten mit der zweiten Glocke. Je nach den Zeiten des Kirchenjahres rufen drei Glocken zum Gottesdienst. Das volle Geläut aller vier Glocken bleibt den hohen kirchlichen Festen vorbehalten. Auch wird mit dem erhabenen Klang aller Glocken das neue Jahr eingeläutet.

 

So klingt das volle Geläut