Zur Stifts-Kirchengemeinde gehört auch die Stadtkirche am Marktplatz von Wunstorf.
Ursprünglich als Bürgerkirche neben der dem Adel vorbehaltenen Stiftskirche erbaut, wurde sie lange Zeit nur wenig genutzt. Heute dient sie der Gemeinde als Winter- und Jugendkirche. Darüber hinaus bemüht sich der Verein Forum Stadtkirche, sie für eine weitere Nutzung durch Konzerte, Ausstellungen, Diskussionsforen etc. nutzbar zu machen.

Aus romanischer Zeit haben sich nur der Chor und der Westturm erhalten. Das aus Bruchsteinen erbaute Langhaus wurde um 1700 neu errichtet, wie Datumsinschriften über dem Nordportal und dem Südportal bezeugen. Der Turm wurde vermutlich gleichzeitig mit der Sigwards-Kirche im nahe gelegenen Idensen um 1130 errichtet. Die Verwandtschaft des Stadtkirchenturmes mit dem Idenser Turm liegt vor allem in der sorgfältigen Quadertechnik, dem Westportal mit dem Bogen aus zwei Reihen Keilsteinen und dem Vierpaßfenster in der Südwand. Die ursprüngliche Form des Turmes mit einfachem Helm ist in einem, im Besitz der Stadt Wunstorf befindlichen Aquarell,  "Schützenumzug 1800“, dargestellt. Bei dem Umbau des Turmes um 1840 wurden alle Schall- und Fensteröffnungen bis auf  das Vierpassfenster, mit Holzjalousien geschlossen und der umlaufende Sockel am Fuß des Turmes aus Sandsteinplatten hergestellt. Obwohl der Chor in der gegenwärtigen Form aus dem frühen 13. Jh. stammt, ist anzunehmen, dass er in den Grundmauern älter ist als der Turm. Die unterschiedlichen Mauerwerkstechniken weisen auf Veränderungen zu verschiedenen Zeiten hin. Die ursprünglich mit Rundbögen versehenen Fenster erhielten beim Umbau der Kirche um 1700 barocke Sandsteingewände wie die anderen Fenster an der Südseite des Kirchenschiffes.

Beim Betreten des Turmes fällt auf, dass das Untergeschoss ursprünglich als Vorhalle diente, die sich mit drei Arkaden zum Langhaus öffnete. Die Arkaden wurden vermutlich beim Umbau des Langhauses vermauert. Die Umrisse sind deutlich erkennbar. Die mittlere Arkade wurde 2006 wieder geöffnet und damit Zugang zur Kirche durch den Turm wieder hergestellt. Auch das erste Obergeschoss war durch drei Arkaden mit dem Langhaus verbunden. Ein an der Südseite des Raumes noch vorhandener Durchgang mit einem  Treppenansatz weist auf die Nutzung dieses Raumes als Empore oder Kapelle hin. Dieser Raum wird durch das Vierpassfenster beleuchtet. Im Innern des Turmes sind die romanischen Geschoßeinteilungen um 1840 im Rahmen des Umbaus beseitigt und durch eine vom Erdgeschoss bis in das 4. Obergeschoß reichende Holzkonstruktion ersetzt worden, die erforderlich wurde, um den neuen Turmhelm mit offener Laterne zu tragen. Die Rundbogenfenster im 3. und 4. Obergeschoss waren ursprünglich alle mit eingestellten Säulen versehen, die große Verwandtschaft mit den Fenstern im Turm der alten Kirche zu Idensen haben. Die Säulen hatten relativ hohe attische Basen mit Ecksporen (durch nachträglich eingebaute Sohlbänke nicht mehr sichtbar) und Würfelkapitelle mit abgesetztem Schild.

Das romanische Langhaus mag bis zum Ende des 17. Jh. erhalten geblieben sein. Zu dieser Zeit wurde das Schiff zwischen Chor und Turm abgebrochen und unter Verwendung der alten Steine neu aufgebaut. Die Fenster der Südseite sind von barocken Sandsteingewänden mit Kantenprofilierung umrahmt, Zwei Türen, im Süden und Norden, entsprechen im Rahmen den Fenstern; die Südtür trägt im Sturz die Datierung Anno 1712, die Nordtür Anno 1690. Der um zwei Stufen erhöhte Chor ist mit Kreuzgratgewölben aus Sandstein auf runden Schildbögen mit leichtem Knick im Scheitel überdeckt. Die Schildbögen ruhen auf Kämpfern aus Platte und niedriger Hohlkehle, der Triumphbogen halbkreisförmig auf höheren Kämpfern mit Platte und Schräge. Die hufeisenförmige Empore in Holzkonstruktion auf Stützen mit Kopfbändern im Westen des Langhauses stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Gleich über der Turmtür fällt das leider sehr zerstörte Tympanon auf. Der Bruch ist sicher auf eine Setzung des Turmes zurückzuführen, während das Abschleifen der Portraits wohl erst im 20. Jh. vorgenommen wurde. Trotzdem bleibt das Tympanon beachtenswert, als einwichtiges Zeugnis kirchlicher Symbolik des 12. Jh. Zwischen den Portraits der beiden Heiligen ist das Gotteslamm (Agnus Dei) fast unzerstört sichtbar. Neben den weiteren Ornamenten - Rosette, Blätterzweig - ist der umlaufende Zackenkranz bemerkenswert, wie er auch an der Idenser Kirche erscheint. Am Ostgiebel ist die eingemauerte Skulptur eines Kopfes zu sehen, deren Bedeutung und Herkunft aber unbekannt sind.

Der Altar besteht aus einem Sandsteintisch mit Kreuzgruppe. Die aus Holz geschnitzte Kreuzgruppe - Kruzifix mit Maria und Johannes - datiert aus der 2. Hälfte 15. Jh. Sie hatte ursprünglich ihren Platz oberhalb des Triumphbogens zwischen Altarraum und Kirchenschiff. Das Kruzifix wird an der Ostwand „eingerahmt“ von dem Kreuzgemälde in Öl von Pablo Holger Hirndorf, 1990. (s.u.)

Die Kanzel wurde 1642 von dem Bürgermeister Arnold Gosemann gestiftet. Auf den fünf sichtbaren Seiten aus Holz sind auf Leinwand gemalte Ölbilder von Christus und den Evangelisten auf die Füllungen geklebt. Der schlichte achteckige Taufstein aus Sandstein stammt aus dem 16. Jh. Im Chor befindet sich eine Skulptur der Madonna mit Kind, etwa 83 cm hoch. Sie stammt aus dem frühen 16. Jh. Die Madonna trägt einen weiten, faltenreichen Mantel und reicht dem Kinde eine Traube; zu Füßen eine Mondsichel. Auf dem Kopfe trägt sie eine Krone. Auf dem hochgeschlagenen Mantelsaum ist in Großbuchstaben die Inschrift: AVE GRATIA.... TECVM.... SA.... MARIA... zu lesen.

Die Kirche besitzt nur eine Glocke, die zum Gottesdienst läutet. Sie ist den Heiligen Petrus und Paulus geweiht, wie die Inschrift besagt, die in erhabenen gotischen Minuskeln ist an der Haube angebracht ist. Zum Schluß soll noch auf die sogenannten Wetzscharten außen im Bereich der seitlichen Chortür sowie in den Laibungen der Turmtür hingewiesen werden. Es wird angenommen, daß dort Staub, dem man Heilkraft zusprach, aus den Steinen gekratzt wurde.

 

 


Entstehung des Bildes "Am dritten Tage" 1991
Es erscheint mir sinnvoll, die Entstehung dieser Arbeit in Verbindung mit vorhergehenden Arbeiten zu erläutern. Als exemplarisches Beispiel möchte ich "Gethsemane" herausgreifen, da es 1990 am Anfang der Bildreihe "Weg-Kreuze" stand.
Tonfliesen, die ich in der Bückener Stiftskirche als Bodenplatten vorfand und die, zu vieren gegliedert, ein großes Quadrat mit griechischem Kreuz bilden, wurden zum formalen Bildkonzept dieser Reihe. Arbeiten wie "Gethsemane" setzen sich aus vier 1 x 1 Meter-Leinwänden zu einem großen 2 x 2 m Quadrat zusammen.
Der massiv und objekthaft wirkende Bildkörper erinnert mit seiner rot-braunen Farbigkeit an gebrannte Erde und ist durch das quadratische Begrenztsein auch Sinnbild menschlich-irdischer Existenz, des irdischen Lebens-Weges. Diese, wie Tonfliesen gestaltete, Fläche steht in Spannung zum eröffneten Bildraum, dem Blick in eine nächtliche, dunkle Landschaftszenerie mit uralten Ölbäumen:
Ebenso zeitgezeichnet wie die zertretenen Fliesen - Vergänglichkeit und Widerstandskraft gleichermaßen ausstrahlend - ist sie erleuchtet von einem Licht, dessen natürliche Herkunft nicht auszumachen ist, dabei jedoch durchkreuzt und bedroht von den schattierten Rissfugen der vier Quadrate.
"Am dritten Tage" setzt sich ebenfalls aus vier Quadraten zusammen. Die tonfarbig gestalteten Seitenkanten erinnern noch an das "erdhafte" Ausgangsmotiv. Die Bildfläche ist zunächst nur was sie ist, nämlich Leinentuch. Jedoch Tuch mit den Strukturen des Turiner Grabtuches, ein Relikt menschlichen Leidens und Sterbens. Die Landschaft mit dem Baummotiv aus Gethsemane scheint verschwunden. Das Baummotiv ist abstrahiert und seine Farbigkeit aus einer Vielzahl von Grüntönen und wie durchs Tele-Zoom betrachteten Strukturen.
Als ich dieses Bild einmal in 4 Teile zerlegt in meinen Transporter einlud, kam eine alte Frau mit ihrem Einkaufswagen des Weges und fragte neugierig: "Sind Sie Maler?" Ich sagte "Ja" und stellte mich auf komplizierte Erklärungen ein, warum man auf den Tafeln nichts Gegenständliches erkennen könne usw. Doch die alte Frau sagte: "Wunderschön, wie der Blick in eine Baumkrone - mit Licht, wie im Frühling; das ist Leben!"
Und auch die dunkle Rissfuge des bedrohlichen Kreuzes aus Gethsemane ist aufgebrochen, aufgehoben. Das Kreuz gibt den Blick frei wie ein Bild des zerrissenen Vorhangs. So vereinigt "Am dritten Tage" Tod und Auferstehung zu einem modernen Osterbild.
Mit der Installation in der Stadtkirche Wunstorf, im Kontrast zu den mittelalterlichen Altarfiguren erfährt das Bild nun seinerseits eine Steigerung seiner österlichen Aussage und gibt andererseits dem Altarraum mit der Kreuzigungsgruppe die österliche Perspektive. So entsteht für meine Gefühle eine neue Altarsituation, die die Möglichkeit des sinnvollen sensiblen Zusammenwirkens traditioneller Kirchenkunst und moderner Kunst als Berührung des Kirchenraums aufzeigt.

H. Hirndorf