Der Hochaltar

Der ganze Bau weist auf dieses Zentrum hin: Den Hochaltar im Chorraum. Von der Größe her beeindruckend ist er jedoch von seinem künstlerischen und historischen Wert im Gesamtgefürge der Kirche eher unbedeutend. Der neugotische Altar ist 1859 von Wellenkamp zum Abschluss der großen Kirchenrenovierung geschaffen worden. An seiner Stelle stand bis dahin der Verkündigungsaltar. Bemerkenswert ist die Kreuzigungsszene. Sie ist dem Stil der Romanik nachempfunden. Anders als bei gotischen Kreuzesdarstellungen hängt Christus nicht als zusammengesunkener leib im Todeskampf am Kreuz. Aufgerichtet steht er da. Selbst der Kopf unter der Dornenkrone, die fast wie eine richtige Krone aussieht, ist erhoben. Hier wird der am Kreuz triumphierende Christus dargestellt, der den von Gott aufgetragenen Weg vollendet hat.
Oben am Altar zwei weitere Darstellungen der Stiftspatrone Cosmas und Damian. Bezeugen die mittelalterlichen Cosmas- und Damian-Darstellungen, welche besondere Verehrung diese beiden Heiligen in vorreformatorischer Zeit im Wunstorfer Kanonissen- und Chorherrenstift fanden, so wundert sich mancher Besucher von heute, daß lange nach der Reformation noch zwei weitere neuzeitliche Cosmas- und Damian-Statuen am Hochaltar von 1859 (Attribute: Damian mit Mörser, Cosmas mit Salbenbüchse und Buch), sowie ein Holzrelief beider Heiligen am Chorgestühl von 1850 (Attribute Salbenbüchse und Palmenzweig als Siegeszeichen der Auferstehung) für das evangelische Stift angefertigt worden sind. Ist die Heiligenverehrung nicht ausschließlich Bestandteil des katholischen Glaubens? Ein weitverbreitetes Missverständnis, wie ein Blick in das Augsburger Bekenntnis von 1530 zeigt. In diesem bedeutenden Glaubensdokument der protestantischen Kirche werden die evangelischen Christen aufgefordert, der Heiligen zu gedenken und sich ein Beispiel an ihren guten Werken zu nehmen. Dazu wollen auch die Cosmas- und Damian-Darstellungen in der Stiftskirche anregen. Begleitet werden Cosmas und Damian am Hochaltar wieder von Paulus und Petrus, den beiden bekanntesten Aposteln (jeweils an den Seiten des Hochaltars).
Paramente

Je nach Kirchenjahreszeit wechseln die Paramente am Hochaltar. Dem kundigen Betrachter erschließt sich so auf den ersten Blick die inhaltliche Ausrichtung der Gottesdienste. In den letzten Jahren sind die alten Paramente der Stiftskirche erneuert und durch hochwertige Kunstwerke ersetzt worden.
Parament - das ist der bunte Behang vor dem Altar. Je nach Kirchenjahreszeit hängt dort eine andere Farbe. Christusfeste sind weiß, Festzeiten des heiligen Geistes sind rot, Fasten- und Vorbereitungszeiten sind violett. Der Karfreitag ist schwarz bzw. völlig schmucklos. Der Rest des Kirchenjahres ist grün.
Das Sakramentshaus (um 1500)
Wenn Besucher die Stiftskirche betreten und zum höher gelegenen Chorraum schauen, fällt ihnen zunächst nur der monumentale Hochaltar aus der Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Erst beim näheren Herantreten bemerken sie das wesentlich bedeutendere Kunstwerk des Chorraumes: ein an der Nordseite aufgerichtetes spätgotisches Sakramentshaus. Um 1500 wurde es aus Baumberger Sandstein, einem weichen und deshalb gut zu bearbeitenden Stein des Münsterlandes, angefertigt.
Welchem Zweck diente ein solches Sakramentshaus? Wie ist es entstanden? Ein Blick in die Geschichte der Abendmahlsfrömmigkeit gibt Auskunft: Schon um 400 nach Christi Geburt bewahrte man die geweihte Hostie, das Brot des heiligen Abendmahls, als Symbol für den Leib Christi im Nebenraum einer Kirche besonders geschützt auf. Mit dem 10. Jahrhundert kamen Hostienbehälter in Gebrauch, die entweder auf dem Altartisch standen oder, wenn ein Altarüberbau vorhanden war, von diesem herabhingen. Später entwickelten sich daraus aus Edelmetall schmuckreich gestaltete Behältnisse, sog. Monstranzen, in denen die geweihte Hostie hinter Glas zur Schau gestellt wurde. Vom 12. Jahrhundert an verschloss man das Altarsakrament oft auch in einem Wandschrank, dem sog. Wandtabernakel, oder in einer Wandnische, um es vor Mißbrauch und Diebstahl zu schützen. In den romanischen Seitenabsiden der Stiftskirche sind solche Wandnischen noch heute zu sehen.
Die besondere Sakramentsfrömmigkeit des Mittelalters beeinflusste die weitere Entwicklung. Aus der schlichten Wandnische und dem kostbarer gearbeiteten Wandtabernakel wurde im 14. und 15. Jahrhundert das von der Wand gelöste, aufwendig gestaltete Sakramentshaus. Turmartige Gebilde mit zum Teil beträchtlicher Höhe entstanden in dieser Zeit als bevorzugte Aufbewahrungsorte des Altarsakramentes. Das über sieben Meter hohe Sakramentshaus der Wunstorfer Stiftskirche ist ein beeindruckendes Beispiel dafür. Schauen wir es uns näher an.
Das Untergeschoss besteht aus drei rechteckigen Teilen, von denen der mittlere hervortritt. Diese Teile sind mit gotischem Maßwerk reich verziert und mit vierzehn Konsolen für Statuetten versehen. Leider sind die Statuetten verschollen. Es folgen nach einem Laubwerk-Gesims drei mit verschließbaren Gittertüren versehene Schreine aus Stein, die einst das Altarsakrament aufnahmen. Dieser Dreiteilung liegen nicht nur ästhetische Gesichtspunkte zugrunde. Seit altersher wird in der kirchlichen Kunst mit der Dreizahl der dreieinige Gott (Vater, Sohn, Heiliger Geist) symbolisiert.
Die beiden flacheren Seitenschreine sind mit den für die Gotik typischen Fialen (kleinere Türme), Kreuzblumen und Wimpergen (giebelartige Bekrönung) verziert. An den Eckseiten des hervortretenden Mittelschreines fallen jeweils zwei Konsolen mit kleinen Baldachinen für insgesamt vier Statuetten auf. Auch diese Statuetten sind leider nicht mehr vorhanden. Über dem Mittelschrein erhebt sich ein großer turmartiger Baldachin, der sich im weiteren Aufbau wieder zweimal zurückstuft. Kunstvoll gearbeitete Strebebögen mit Fialen bilden dabei Übergänge bis hin zu einer mit Kantenblumen versehenen Spitze. Diese bis in die Gewölbezone des Chorraumes emporragende Spitze wird von einem Pelikan mit seinen Jungen bekrönt. Nach einer frühchristlichen Legende reißt der Pelikan seine Brust auf, um mit seinem Herzblut die Jungen zu nähren. Deshalb gilt er als Symbol für den Opfertod Christi, der im heiligen Abendmahl vergegenwärtigt wird.
An dieser kunstvoll gearbeiteten Pelikan-Skulptur wird deutlich, wie bedauerlich der Verlust der übrigen Skulpturen ist, die einst als Statuetten den Mittelschrein und das Untergeschoss des Sakramentshauses verziert haben. Wer mag hier dargestellt worden sein? Die vorhandenen Unterlagen enthalten keinerlei Hinweis. Wir sind deshalb auf Vermutungen angewiesen. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden auf den vier Konsolen des Mittelschreins Figuren der beiden Stiftsheiligen Cosmas und Damian gestanden haben - und jeweils an ihrer Seite Petrus und Paulus, die wohl wichtigsten Apostel des christlichen Glaubens. Damit sollte der verehrungswürdige Rang von Cosmas und Damian hervorgehoben werden, denen die Stiftskirche geweiht war. Einer ähnlichen Anordnung sind wir schon bei dem hölzernen Altarschrein aus dem Ende des 15. Jahrhunderts - früher Chorraum, jetzt nördliche Seitenapsis - begegnet. Auch der um 1860 entstandene Hochaltar zeigt an seinen Eckseiten unterhalb des Giebels die Figurenkombination Cosmas - Paulus und Damian - Petrus. Waren die Statuetten des Sakramentshauses in der Mitte des 19. Jahrhunderts vielleicht noch vorhanden und konnten dem Künstler des Hochaltars als Vorlage dienen?
Bei den verschollenen Statuetten der vierzehn Konsolen des Untergeschosses wird es sich vermutlich um die sog. Vierzehn Nothelfer gehandelt haben. Die Verehrung dieser Heiligengruppe strahlte im Mittelalter von Süddeutschland (Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen!) bis in den norddeutschen Raum aus. Im Wunstorfer Stift werden die vierzehn Nothelfer jedenfalls bekannt gewesen sein. Der hölzerne Altarschrein der nördlichen Seitenapsis zeigt mit der heiligen Barbara, dem heiligen Christopherus und dem heiligen Georg drei Hauptvertreter dieser besonderen Heiligengruppe. Da dieser hölzerne Altarschrein ursprünglich im Chorraum stand, wird man eine solche inhaltliche Beziehung zum benachbarten Sakramentshaus annehmen dürfen.
Abschließend kann festgestellt werden: Der Verlust sämtlicher Statuetten ist sicher schmerzlich, aber er mindert die Bedeutung des Sakramentshauses im Wunstorfer Stift nicht entscheidend. In seiner vielgliedrigen Struktur und in seinen reichen Schmuckformen bleibt es ein Musterbeispiel meisterhafter gotischer Steinmetzkunst. Im weiteren Umkreis sind Sakramentshäuser vergleichbarer Qualität nur in der Loccumer Klosterkirche und in der Stiftskirche von Bücken zu finden.
Das Chorgestühl

Das Chorgestühl sieht zwar mächtig aus, ist aber nicht nur unbequem sondern auch relativ jung.
Es ist zusammen mit den übrigen Kirchenbänken bei der großen Restaurierung um 1859 in die Stiftskirche gekommen. Bemerkenswert an den vier großen Stühlen ist eigentlich nur die nachträglich angesetzte Darstellung der Stiftspatrone Cosmas und Damian.
Für die meisten Besucher der Stiftskirche bleiben die folgenden Steine verschlossen, da sie hinter dem Hochaltar im Erfassungsbereich der Alarmanlage angebracht sind.
Johan Sotefleisch
Johann Sotefleisch war von 1608-1620 Generalsuperintendent in Wunstorf. In dieser Zeit wurde ein Bereich der etwa der heutigen Landeskirche Hannover entspricht von Wunstorf aus verwaltet. Das Standmal ist immerhin 3,80 m hoch und 1,3 m breit. Im Bogen über dem Verstorbenen ist das Alter (68 Jahre) angegeben. Der Text auf den beiden Tafeln ist in lateinischer Sprache.
Joachim Leseberg (1632)
Joachim Leseberg war von 1620-1932 Generalsuperintendent in Wunstorf. Das Standmal ist 3,1 m hoch und 1,25 m breit. Die lateinische Inschrift der von ihm gehlatenen Tafel lautet: LECTORI IOACHIM LESEBERG BONAQUAE Q PRECATOR: IMAGO, LECTOR QUA ASPICIS EST UMBRA IMAGINIS ME AE, SED QUANDO CHRISTUS ME VOLET EX MORTE TANDEM SURGERE TUM SOLIS INSTAR SPLENDIDI VULTUS MICABIT: UT QUAM INCARNE CHRISTUM CERNERE ET IUGITER ILLIPSALLERE, GRATUM MODULAMEN; O AMEN
Die Generalsuperintendenten von Calenberg in Wunstorf:
Heinrich Boethius 1589 - 1593 Sitz in Pattensen
Heinrich Papenburger 1593 - 1606
Johann Sötefleisch 1608 - 1620
Joachim Leseberg 1620 - 1632
Ludolf Heise 1632 - 1635
vorübergehend wurde Hannover Sitz des Generalsuperintendenten von Calenberg: 1635-1694
Polykarp Lyser 1694-1708
Ludwig Böhmer 1701 - 1726
anschließend wurde die General (=Landes-)superintendentur endgültig nach Hannover verlegt.
Die Spezialsuperintendendur
Nach 1726 blieb in Wunstorf noch die Spezialsuperintendentur. Sie umfasste noch 13 Gemeinden. Bis 1798 wurde der Kreis auf die Gemeinden Kolenfeld, Groß Munzel, Stemmen, Luthe und Idensen begrenzt. Später kamen Schloß Ricklingen, Dedensen, Gümmer und Bokeloh dazu. Stemmen gehört heute nicht mehr zum Kirchenkreis. Im Jahr 2000 wurde die Superintendentur Wunstorf aufgelöst. Die Gemeinden sind im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf verschmolzen. Der Sitz der Superintendenten ist jetzt Neustadt.