IV. Die mittelalterlichen Darstellungen der Kirchenpatrone Cosmas und Damian

In einer Urkunde von 1250 werden Cosmas und Damian erstmals im Zusammenhang mit der Wunstorfer Stiftskirche genannt: "Ecclesia Beatorum Cosmae et Damiani Martyrum - Kirche der heiligen Märtyrer Cosmas und Damian". Wer waren diese heiligen Märtyrer Cosmas und Damian, denen die nach einer Brandkatastrophe neuerbaute Stiftskirche vermutlich schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts geweiht worden war, während der Vorgängerbau noch unter dem Patronat des heiligen Petrus stand?
Bevor wir ihre bildlichen Darstellungen näher betrachten, einige Informationen über ihr Leben und ihre Verehrung, die als historisch gesichert gelten:
Cosmas und Damian waren Zwillingsbrüder, die als Ärzte am Ende des 3. Jahrhunderts in der Hafenstadt Ägea in Kilikien, an der Südküste Kleinasiens, wirkten. In der Nachfolge Christi heilten sie unentgeltlich Menschen und Tiere und bekehrten durch ihren vorbildlich gelebten Glauben viele Heiden zum Christentum. Um 303 wurden sie in der Christenverfolgung des römischen Kaisers Diokletian nach vielen Folterungen enthauptet. Schnell breitete sich ihre Verehrung aus. Als erste orientalische Heilige wurden sie bereits im 4. Jahrhundert in den römischen Meßkanon aufgenommen. Im 6. Jahrhundert wurde zu ihren Ehren in Rom am Forum Romanum die Basilika SS Cosma e Damiano erbaut, das bedeutendste Cosmas- und Damian-Heiligtum im Westen.
Von Rom aus gelangte der Kult dann in die Länder nördlich der Alpen.
So weihte Bischof Alfried von Hildesheim im 9. Jahrhundert das von ihm erbaute Damenstift in Essen und den Hildesheimer Dom u.a. Cosmas und Damian. Im 10. Jahrhundert holte Bischof Adelag Cosmas- und Damian-Reliquien in den Bremer Dom. In der Folgezeit strahlte die Verehrung der beiden Arztheiligen von Hildesheim und Bremen in den gesamten norddeutschen Raum aus. Zahlreiche Kirchen und Kapellen wurden ihrem Patronat unterstellt, u.a. in Goslar, Stade, Schleswig und Flensburg. In Wunstorf wählte man sie vermutlich als Kirchenpatrone der Stiftskirche, weil die Stiftsdamen den Auftrag der Kranken- und Armenpflege hatten. Dadurch wurden Cosmas und Damian auch Namenspatrone vieler Wunstorfer Bürger, wie das mittelalterliche Einwohnerverzeichnis ausweist. Weiter gelten sie als Schutzpatrone der Ärzte, später auch der Apotheker. Der katholische Heiligenkalender nennt den 27. September als ihren Gedenktag. An diesem Tag wurde seit dem 13. Jahrhundert das jährlich wiederkehrende Kirchweihfest im Wunstorfer Stift gefeiert, wie aus einer Urkunde des Jahres 1284 hervorgeht.
Betrachten wir nun die mittelalterlichen Darstellungen der beiden Heiligen in der Stiftskirche näher:
Abbildung 10Abbildung 10Der hölzerne Altarschrein in der nördlichen Seitenapsis, der aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammt, zeigt Cosmas und Damian in der unteren Figurenreihe mehrerer Heiliger unmittelbar neben dem Mittelfeld mit der Ankündigung der Geburt Christi. (Abb. 10)
Schon frühzeitig hatte sich in der christlichen Kunst der Brauch herausgebildet, Heilige zur besseren Unterscheidung mit einem besonderen Kennzeichen, einem sogenannten Attribut, zu versehen. Dieses Attribut wies entweder auf das Martyrium eines Heiligen hin (zum Beispiel ein Schwert, mit dem er enthauptet wurde) oder war charakteristisch für seine Tätigkeit. Die Cosmas- und Damian-Figuren unseres Altarschreins tragen Attribute ärztlicher Tätigkeit in der Hand. Dabei fällt eine Unterscheidung auf, die die besondere Entwicklung des ärztlichen Berufsstandes im Mittelalter widerspiegelt. Cosmas galt als Vertreter der akademischen Ärzteschaft. Deshalb sehen wir ihn links neben dem Mittelfeld mit einem Harnglas, dem damals wichtigsten Diagnosegerät des studierten Arztes. Am rechten Rand des Mittelfeldes dagegen erkennen wir Damian. Als Vertreter der damals weithin handwerklich ausgebildeten Wundärzte und Bader, die auch berechtigt waren, Medizin herzustellen, trägt er eine Salbenbüchse. Direkt über Cosmas und Damian stehen Figuren der Apostel Petrus und Paulus. Diese Zuordnung der beiden wichtigsten Apostel zu Cosmas und Damian ist nicht zufällig. Der Künstler unseres Altarschreins wollte damit den verehrungswürdigen Rang der beiden heiligen Arztbrüder hervorheben - ein altes Motiv, das schon bei einem Mosaikbild der oben erwähnten Basilika SS Cosma e Damiano vorkommt.
Abbildung 11Die zweite mittelalterliche Cosmas- und Damian-Darstellung entdecken wir in der gotischen Türnische der 1853 abgebrochenen Nonnenempore im nördlichen Kreuzarm der Stiftskirche. (Abb. 11) Die um 1500 geschaffenen hölzernen Heiligenfiguren, die später steinfarben angemalt worden sind, stehen auf den Kapitellen zweier kurzer romanischer Säulen. Links erkennen wir Cosmas mit dem Harnglas, rechts Damian mit der Salbenbüchse.
Auch hier also ist der Künstler der mittelalterlichen Unterscheidung gefolgt, die wir schon bei den Figuren des Altarschreins beobachten konnten. Als zusätzliches Attribut tragen beide Stiftsheiligen ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, das als Buch des Glaubens zu deuten ist, für den sie ihr Leben ließen.
Abbildung 12Bezeugen die mittelalterlichen Cosmas- und Damian-Darstellungen, welche besondere Verehrung diese beiden Heiligen in vorreformatorischer Zeit im Wunstorfer Kanonissen- und Chorherrenstift fanden, so wundert sich mancher Besucher von heute, daß lange nach der Reformation noch zwei weitere neuzeitliche Cosmas- und Damian-Statuen am Hochaltar von 1859 (Attribute: Mörser, bzw. Salbenbüchse und Buch, Abb. 12: Cosmas), sowie ein Holzrelief Abbildung 9beider Heiligen am Chorgestühl von 1850 (Attribute Salbenbüchse und Palmenzweig als Siegeszeichen der Auferstehung, Abb. 9) für das evangelische Stift angefertigt worden sind. Ist die Heiligenverehrung nicht ausschließlich Bestandteil des katholischen Glaubens? Ein weitverbreitetes Missverständnis, wie ein Blick in das Augsburger Bekenntnis von 1530 zeigt. In diesem bedeutenden Glaubensdokument der protestantischen Kirche werden die evangelischen Christen aufgefordert, der Heiligen zu gedenken und sich ein Beispiel an ihren guten Werken zu nehmen. Dazu wollen auch die Cosmas- und Damian-Darstellungen in der Stiftskirche anregen.