Die virtuelle Kirchenführung beginnt im nördlichen Seitenschiff.

Vom mächtigen Westturm herkommend weitet sich nach dem schmalen, niedrigen Durchgang unter dem Turm der Blick in die weite romanische Kirche. Dank einer umfangreichen Restaurierung im 19. Jhd. ist die Stiftskirche weitgehend im Stil der Romanik erhalten bzw. wiederhergestellt. Zahlreiche spätere Einbauten sind während dieser Renovierung (glücklicherweise) entfernt worden. Heute müssten sie wohl aus Denkmalschutzgründen in der Kirche bleiben. Der ganze Bau ist auf den Altar im östlichen Chorraum ausrichtet. Viele Details sollen den Blick der Besucher auf das Zentrum, Jesus Christus, lenken. Es lohnt sich aber, in kleinen Schritten zunächst die Details im Westteil der Kirche zu betrachten.
In diesem Teil der Kirche fallen zunächst vor allem die Säulen und die Bänke im Mittelschiff ins Auge.
Die Säulenkapitelle

Die Säulen der Stiftskirche zeichnen in ihren Bildern den Weg von der jüdischen Synagoge zur christlichen Kirche nach. So finden sich auf den Kapitellen der beiden westlichsten Säulen eine stilisierte Menorah (siebenarmiger Leuchter) und auf der südlichen Seite das Liliensymbol. Diese Symbole des jüdischen Tempels bilden den Ausgangspunkt des Bilderwegs durch die Stiftskirche. Die Säulen zeichnen so den Weg Jesu nach. Auch er ist als Jude geboren und nach jüdischen Gesetz beschnitten worden. Ganz selbstverständlich hat die jüdische Tradition für die Erbauer der Kirche eine tragende Rolle bei der Entstehung der christlichen Kirche gespielt.
Die Bänke
Die handgeschnitzten hölzernen Bänke stammen aus dem Jahre 1859. Mit der starren Trennung in der Mitte spiegeln sie eine Sitzgewohnheit der damaligen Zeit wider: Links saßen die Frauen, rechts die Männer. Eine Begegnung im Gottesdienst sollte möglichst vermieden werden. In der ursprünglichen romanischen Kirche gab es keine Bänke. Wie in allen anderen Kirchen der Zeit haben die Besucher während der Gottesdienste gestanden, bzw. sind umhergelaufen. Darüberhinaus war die große Stiftskirche ohnehin nur dem kleinen Kreis der adeligen Stiftsdamen vorbehalten.
Die Orgel

Wenn man sich nach Westen (hinten) umdreht, bekommt man einen ersten Eindruck von der großen Eduard-Meyer-Orgel. Aus ihrer Geschichte gibt es schon manches zu berichten. In die Jahre 1853-1859 fällt die große Restaurierung der Stiftskirche durch die Landbaumeister Comperl und Wellenkamp. Zum Abschluß dieser Arbeiten bekam der hannoversche Orgelbaumeister Eduard Meyer von der "Königlichen Klosterkammer" den Auftrag, eine neue Orgel hoch oben auf der Westempore zu bauen.
Er hatte dazu zwei Jahre Zeit. Das Werk sollte dem mächtigen, romanischen Raum entsprechen. 34 Register verteilen sich auf drei Manuale und ein Pedalwerk.
Im Mai 1917 schreibt die Klosterkammer an den Superintendenten, daß sie nicht in der Lage sei, die aus dem Orgelgehäuse genommenen wertvollen Prospektpfeifen zu ersetzen. So geht der erste Weltkrieg nicht spurlos an Eduard Meyers großer Orgel vorbei.
Der Zimmermann Brandes, nebenbei Kirchendiener, ist nicht mehr bereit, für die jährliche Vergütung von 150 Mark den Bälgertretedienst zu übernehmen. Daraufhin wird 1926 eine elektrische Gebläseanlage installiert. In dieser Zeit führt auch der "Kunstverein Wunstorf" in der Stiftskirche Konzerte durch.
Zur 750-Jahrfeier der Stiftskirche 1931 bittet der Lehrer und Organist Theodor Asche um eine gründliche Stimmung und den Austausch einiger Kupferfedern.
In den folgenden Jahren bildet der Wunsch, etwas mehr Platz auf der Orgelempore zu bekommen, den Anlaß für eine Klangaufhellung, entsprechend dem neuen Ideal des deutschen Orgelbaus. 1938 beginnen die Umbauarbeiten der Firma Emil Hammer Orgelbau.
Fast drei Jahrzehnte danach amtiert Annelie Asche als Stiftsorganistin. Vielen hat sie an der Orgel die Freude an der Kirchenmusik vermittelt. Ende der sechziger Jahre bemüht sich Pastor Jürgens um die Einrichtung einer hauptamtlichen Kirchenmusikerstelle. Die Besetzung dieser Stelle ist jedoch schwierig, da die Orgel nicht mehr voll spielbar ist.
Stiftskantor Plate erinnert sich, zu Beginn seiner Dienstzeit viele zugeklebte Register vorgefunden zu haben. Sie waren unbrauchbar geworden und nur eine ganz gründliche Renovierung konnte Abhilfe schaffen. Unter Leitung von Orgelbauer Perlitz und der Firma Hammer wurde das gesamte Pfeifenwerk - 2393 Pfeifen - abgetragen. Wegen des starken Wurmbefalls wurden die Windladen ausgetucht und alle Pfeifen neu intoniert. Nach mehreren Monaten wird die Orgel zum Volkstrauertag 1969 wieder eingeweiht. Der von Superintendent Friedhelm Gerhard gestaltete Gottesdienst wird vom NDR übertragen.
Rund zwanzig Jahre später werden in den Prospekt zinnerne Prinzipalpfeifen eingebaut, die silbern ihren strahlenden Klang ins Kirchenschiff abgeben.
Der Fürbittenleuchter
Wenn man nun durch die Säulen ins Seitenschiff tritt fällt der Blick auf den modernen Fürbittenleuchter. Er ist 1999 von Hilko Schomerus für die Stiftskirche angefertigt worden. Der Künstler schreibt dazu: "Fürbitte - ich erbitte etwas, für mich, für einen mir nahestehenden Menschen, für einen Fremden, den Ausländer, den Flüchtling. Deshalb die Weltkugel. Deshalb die verschwimmenden Grenzen, die ungefähren Kontinente, die fließenden Bewegungen der Breiten- und Längengrade. Deshalb aber vor allen Dingen das alles umschließende Lichterband. Wenn nur eine Kerze brennt, kann durch ihr Licht ein ganzer Kontinent belechtet werden." Besucherinnen uns Besucher der Stiftskirche entzünden auf diesem Leuchter seit er in der Kirche steht Kerzen für ihre Gebetswünsche. In der Mitte des Leuchters brennt eine große Kerze als Christuslicht. Das Kerzenband ist aus einem alten Wagenrad gefertigt, das von seiner Kilometerleistung sicher einmal die Welt umrundet hat. Auf der Innenseite dieses weltumspannenden Rades wird an Christus erinnert: "Ich bin das Licht der Welt", "Ich bin der Weg".
Im Hintergrund des Bildes zu erkennen: Wappenschilder der Familien von Mandelsloh und Werpup (beide 17. Jhd.)
Das Epitaph der Katharina von Holle

Ein letzter Hinweis in diesem Teil der Kirche betrifft das Holzepitaph der Katharina von Holle von 1568. In lateinischen und deutschen Versen wird ausführlich der Verstorbenen gedacht. Doch nicht die wehmütige Erinnerung behält hier das letzte Wort, sondern eine Hoffnung, die stärker ist als Tod und Trauer: Derselbe Christus, der Lazarus auferweckte - wie auf der Ostseite des Epitaphs farbenprächtig dargestellt - wird als der Sieger über das Grab auch das durch den Tod getrennte Ehepaar wieder vereinen - so zeigt es das Tafelbild der Westseite. Biblische Verse im Wortlaut der Übersetzung Martin Luthers ergänzen die Bildaussagen dieses Renaissance-Epitaphs; sie dokumentieren zugleich, daß die Reformation Wunstorf erreicht hat: 1563 wird das Kanonissen- und Kanonikerstift in ein evangelisches Damenstift umgewandelt. Anders als Grabplatten war ein Epitaph von vorneherein nicht für die Anbringung am Grab sondern als Ehrung des bzw. der Verstorbenen in der Kirche gedacht.