„Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land“ – wir singen sie jedes Jahr wieder zum Erntedankfest – die Verse von Matthias Claudius. Einmal innehalten und zurückblicken: Ja, wir haben gute Früchte eingefahren dieses Jahr. Ja, wir haben hart gearbeitet. Und ja, wir sind abhängig von Gottes Segen.
Am Erntedankfest richten wir unsere Gedanken auf die Natur, den Menschen und auf Gott: Alles, was uns umgibt, auch das, was wir Menschen leisten und schaffen, kommt letztlich von Gott. Weil wir längst nicht alles in unseren eigenen Händen haben. Weil trotz aller guter Planung ein Restrisiko bleibt, die Ernte wegen Dürre, Starkregen, Schädlingen oder Krankheiten oder gar Krieg zu verlieren. Weil der Mensch trotz allen technischen Fortschritts in Naturkreisläufe eingebunden und von ihnen abhängig bleibt.

Gaben aus Gottes Schöpfung
Weil die eigenen Möglichkeiten begrenzt bleiben, danken wir für Gottes Gaben, für die Gaben der Schöpfung, die wir empfangen, die uns ernähren und stärken und die uns leben lassen. Gottes Schöpfung ist uns Menschen anvertraut, damit wir sie bewahren und respektvoll mit ihr umgehen. Wir tragen für sie Verantwortung.
Für den Gottesdienst tragen wir Gaben zusammen. Der Altar wird geschmückt mit der guten Ernte: Kürbisse, Kartoffeln, Getreide, Möhren, Äpfel und andere Früchte. Gelegentlich sind auch gekaufte oder verarbeitete Lebensmittel dabei. Brot zu allererst – als unser „täglich Brot“. Oft gehört auch eine Erntekrone dazu, aus Ähren gebunden. All das sind Hinweise darauf, dass alle guten Gaben von Gott kommen.
Erntedank als dankbare Inventur vor Gott
In einigen Gemeinden liegen auch Werkzeuge der verschiedenen Handwerksberufe auf dem Altar. Weil auch dort gesät und geerntet wird. Erntedank dient dazu, das Gelungene zu feiern und das Gewachsene wertzuschätzen. Resümee zu ziehen über deine ganz persönliche Erntezeit: Welche Früchte des Lebens habe ich dieses Jahr „eingefahren“? Welche Ernte habe ich machen dürfen? Was ist so richtig gut gelungen? Was ist erreicht? Persönlich, emotional, in der Familie, der Partnerschaft, unter Freunden? Welche Samen gingen auf? Auch die Frage: Was darf gehen, was darf bleiben? Und schließlich: Wofür möchte ich als nächstes einen guten Boden bereiten und Gott um seinen Segen bitten?
Selbstoptimierung oder unverfügbarer Gott?
Erntefeste werden in vielen Kulturen gefeiert. Sie machen deutlich: Unser Lebensunterhalt und unser Gelingen hängt nicht allein von uns ab. „Doch Wachstum und Gedeihen liegt in des Herren Hand“, so dichtet Matthias Claudius. Die Tendenz zeigt eine andere Realität: Menschen überlassen nichts dem Zufall. Ertragssteigerungen und Ressoucenschonung gehen Hand in Hand in der modernen Landwirtschaft mit Smart Farming und Precision Agriculture mit Sensoren auf dem Acker und in den Ställen, Drohnen in der Luft, GPS-gesteuerte Maschinen, die zentimetergenau Bewässern oder Dünge- und Pflanzenschutzmittel punktgenau ausbringen.
Optimierung und Selbstoptimierung oder unverfügbarer Gott? Bei allem Fleiß hängt unser Glück an mehr als uns selbst. Soziologen verweisen immer wieder auf unverschuldete Startvorteile, die nicht erarbeitet, sondern zufällig zugeteilt – eben geschenkt – werden: Das soziale Erbe, der Wohnort, genetische Voraussetzungen oder das familiäre Netzwerk prägen den persönlichen Erfolg weit stärker als individuelle Leistung. Unser Leben folgt nicht einem selbsterdachten Fahrplan, sondern Gottes Segen.

Erntedank wird Motor für Neues
Deshalb lohnt der Blick: Was ist diesen Sommer gelungen? Wo gab es vielleicht auch Dürrephasen? Erfolge wie Misserfolge als Geschenk Gottes annehmen zu lernen, lässt Dankbarkeit wachsen und Wertschätzung gedeihen. Die Natur kann uns lehren, solche Erinnerung daran zu bewahren. Wo das gelingt, da wird Dankbarkeit zur Antriebskraft. Da weitet sich der Blick aufs Leben ganz neu:
Was kann ich beitragen, die Felder unseres gemeinsamen Lebens gut zu bestellen? Wo heißt es geduldig abwarten? Und woran freue ich mich so sehr, dass ich es mitbringen will und an den Altar legen werde – sei es metaphorisch oder ganz real.
Seit alters her werden Menschen dazu ermuntert, etwas von dem zurückzugeben, was sie geerntet haben. Egal ob in Material, Zeit oder Geld. Die Bethel-Sammlung im Stift wäre eine gute Gelegenheit, etwas weiter zugeben. Oder vielleicht haben Sie schon einmal an ein Ehrenamt in der Gemeinde gedacht. Wo könnte Ihre Kraft gut gebraucht werden? Oder es gibt ein neues Projekt, das ihnen im Kopf herumschwirrt und nur auf Umsetzung wartet. Legen sie los, gestaltet sie mit, weil Erntedank ein Motor für Neues ist.