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Nördliches Querschiff

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Nördliches Querschiff

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1. Station 2. Station 3. Station 4. Station 5. Station 6. Station 7. Station 8. Station Turm Die Kirche von außen

Der Verkündigungsaltar Der Taufstein Die Kirchenpatrone Epitaphe

Der Verkündigungsaltar

Abb. 13: Der Verkündigungsaltar im nördlichen Querschiff (Ende 15. Jhd.)

In der Adventszeit findet er die besondere Aufmerksamkeit der Kirchenbesucher: der Verkündigungsaltar aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Er hat seinen Namen vom Mittelfeld erhalten, das die Verkündigung der Geburt Christi durch den Engel an Maria zeigt. Eine Doppelreihe mit Heiligenfiguren umrahmt diese Verkündigungsszene.
Der hölzerne Altar, dessen Seitenflügel leider verschollen sind, entstand in Braunschweig, einem Hauptort norddeutscher Bildschnitzerkunst.
Von den einst neunzehn mittelalterlichen Altären der Stiftskirche ist er als einziger erhalten. Ursprünglich zierte er den Hochaltar. Vermutlich wurde er dann im Zuge der Reformation als "Nebenaltar" in das nördliche Querschiff verlagert: Die evangelisch gewordenen Gläubigen verehrten zwar weiterhin Maria und die Heiligen als Vorbilder des Glaubens, sahen in ihnen aber nicht mehr zentrale Glaubensgestalten, die man um Fürbitte bei Gott anrief.
Betrachten wir zunächst die Heiligenfiguren näher, die das Mittelfeld mit der Verkündigung umstellen, und beginnen dabei mit der oberen Reihe:
Abb. 14: Anna Selbdritt-GruppeMit großer Sorgfalt sind an diesem Altar die Attribute der Heiligen ausgeführt. Sie charakterisieren die Tätigkeit oder das Martyrium der Heiligen. Manchmal auch beides. So trägt der Apostel Johannes - oben links - einen Kelch in der Hand: Der Legende nach trachteten einst heidnische Oberpriester aus Ephesus mit einem Giftkelch nach seinem Leben.
Es folgt eine sog. "Anna Selbdritt-Gruppe": Maria steht eng neben ihrer Mutter Anna. Das Jesuskind auf Marias Arm streckt die Hände zum Kreuz aus - eine symbolische Vorwegnahme seines Passionsweges.
Die Figuren der Apostel Petrus und Paulus umrahmen die obere Hälfte des Mittelfeldes. Beide Apostel tragen ein Buch in der Hand als Hinweis auf die von ihnen verkündete Heilsbotschaft. Als zusätzliches Attribut hat Petrus zwei Schlüssel als Symbol seiner von Jesus verliehenen Entscheidungsgewalt über den Zugang zum Himmelreich. Zusatzattribut bei Paulus ist das Schwert durch das er in Rom den Märtyrertod fand. 
BarbaraNeben Paulus erkennen wir die heilige Barbara, die im 3. Jahrhundert im östlichen Mittelmeer gelebt haben soll. Als Zeichen ihrer vornehmen Herkunft trägt sie eine Krone. In der katholischen Kirche gilt Barbara als Schutzheilige der Sterbestunde. Attribut dafür ist der Abendmahlskelch in der linken Hand. Das Schwert in der rechten Hand weist auf ihren Märtyrertod hin.
Abb. 15: ChristopherusDer heilige Christopherus (griechisch: "Christusträger") mit dem Jesuskind auf seinen Schultern schließt die obere Figurenreihe ab. Er wird als Schutzpatron aller Pilger und Reisenden verehrt. Der Stab in seiner Rechten ist ein Symbol für das Wort Gottes, auf das sich der Mensch in aller Not stützen kann.
Die untere Figurenreihe beginnt links mit der Darstellung des Erzengels Michael. Triumphierend steht Michael mit der Lanze in den Händen auf einem von ihm bezwungenen Dämon, dem Symbol des Bösen in der Welt.
Daneben sehen wir Maria Magdalena. Die Bibel berichtet, daß sie Jesus die Füße gesalbt hat. Deshalb trägt sie als Attribut eine Salbenbüchse.
Es folgen die Heiligen Cosmas und Damian. Unentgeltlich heilte das ärztliche Bruderpaar aus Kleinasien im 3. Jahrhundert Menschen und Tiere. Als Schutzheilige der Ärzte und Apotheker halten sie Harnglas und Salbenbüchse in ihren Händen. Um 1020 wurden Cosmas und Damian Kirchenpatrone des Wunstorfer Stifts. Der Schutzpatron der ersten Stiftskirche von 871, Petrus, hatte bei dem großen Brand der Stadt 1010 versagt und erschien daher für den Neubau nicht mehr als der geeignete Patron. 
Ritterrüstung, Lanze und der besiegte Drache als Symboltier des Lebensfeindlichen gelten als Attribut des heiligen Georg. Als christlicher Offizier diente er im römischen Heer und fand um 303 den Märtyrertod. Die Gläubigen des Mittelalters sahen in ihm ein Vorbild der Christen im Kampf gegen das Böse.
Am Ende der unteren Figurenreihe ist der heilige Sebaldus dargestellt, der vor allem im süddeutschen Raum als Pilger und Glaubensbote gelebt haben soll. Seine Attribute sind Pilgerhut, Pilgerstab und ein Kirchenmodell, das auf die Stätte seines Grabes, die Nürnberger Sebalduskirche, hinweist.
Abb. 16: Gabriel verkündigt Maria die Geburt JesuDoch nun zum Mittelfeld des Verkündigungsaltars: Der biblische Bericht von der Ankündigung der Geburt Christi (Lukas 1, 26-38) hat hier eine künstlerisch eindrucksvolle Darstellung erfahren. 
Unter reichverzierten gotischen Baldachinen sehen wir die Hauptgestalten des adventlichen Geschehens: Mit erhobener Hand tritt der Engel Gabriel an Maria heran und verkündet ihr die Geburt Jesu. Flügel und Lilienzepter weisen ihn als besonderen Boten Gottes aus. Marias Hand ruht auf der geöffneten Bibel, die auf einem Betpult liegt. Nach alter Tradition zeigt Maria auf die prophetische Weissagung des Jesaja von der Geburt des Gottessohnes.
Außer dem Engel als Symbolfigur für die Verbindung Gott - Mensch sieht man zunächst nichts, was auf diese Verbindung noch hinweist.
 


Anders als auf vielen Verkündigungsbildern (z.B. auf dem Epitaph des Johan Sotefleisch im Chorraum der Stiftskirche) fehlen Darstellungen von Gottvater selbst, vom Heiligen Geist in Gestalt einer Taube oder von Lichtstrahlen als Verbindungszeichen von "oben" nach "unten". Dennoch gibt es Zeichen und Hinweise dafür - und darin erweist sich der Schnitzer unseres Altars als Meister christlicher Symbolkunst: Die Dreizahl der gotischen Baldachinbogen versinnbildlicht die Gegenwart des dreieinigen Gottes. Die Vierblattleiste am unteren und oberen Rand des Mittelfeldes weist auf die vier Evangelien hin und die Botschaft Gottes, die sie enthalten. Die vorherrschenden Farben Rot, Gold, Blau schließlich werden zum weihnachtlichen Gruß an den Betrachter des Altars: In der mittelalterlichen Kunst sind sie ein Symbol für die in Christus erschienene Liebe Gottes (Rot), die zum tragenden Grund (Gold) menschlichen Lebens und Zusammenlebens werden will - und damit zur Hoffnung (Blau) für unsere Welt.

Epitaphe und Grabplatten

Clawes Fridag, 1558

An der Westwand des nördlichen Querschiffs ist die Grabplatte des Claus Fridag angebracht. Die Inschrift lautet: ANNO DNI 1558 DEN MANDAG IN DEN OSTEREN IS GESTORVEN DE ERBAR UND ERNTVESTE CLAWES FRIDAG DE IUNGER DEM GODT GNADE. 
Die unmittelbar vor der Einführung der Reformation in Wunstorf aufgestellte Platte zeigt den dreieinigen Gott: Christus am Kreuz, darüber Gott-Vater, der das Kreuz hält und den Heiligen Geist in der Gestalt einer Taube. Gott-Vater ist auf diesem Stein mit der dreistufigen Papsttiara dargestellt - eine Vorstellung, die wenige Jahre später nicht mehr möglich gewesen wäre. 
Das Kreuz hat die Form eines T (griechisch: "tau" in Entsprechung zum hebräischen Buchstaben "taw"), nach Hesekiel 9, 3-4 das Zeichen der Gerechten, das ihnen auf die Stirn geschrieben wird. Das T in Kreuzform ist schon in frühchristlicher Zeit gebräuchlich. Später wird es als Antoniuskreuz (Antonius - ägyptischer Heiliger um 250) zum Zeichen der Antoniter, einer im 11. Jahrhundert entstandenen Vereinigung, deren Aufgabe die Krankenpflege in den Hospitälern war. Dieser Aufgabe fühlten sich auch die Wunstorfer Stiftsdamen verpflichtet.
In den Ecken des Steins finden sich die Symbole der vier Evangelisten. An den Seiten die Wappen der Familien v. Freydach, v.Haus, v.Gröpelingen, v.Zerssen, v.Reden, v.Schwicheldt, v.Barner und v.Veltheim. Als einer der wenigen Steine in der Stiftskirche ist dieser Grabstein mit einem Steinmetzzeichen signiert.
 

Cordt von Mandelsloh, 1537

Auf der Grabplatte von Cordt von Mandelsloh (1537) an der Nordwand des nördl. Querschiffs findet sich diese Darstellung eines Totenschädels. Die Erinnerung an die Vergänglichkeit irdischen Lebens ist im Mittelalter weit verbreitet. Zugleich verbindet sich mit dieser Darstellung die Hoffnung auf die Wiederauferstehung der Toten. Die Inschrift lautet: Anno Domini 1537, des Donnerstags vor Bartholomäi starb der ehrbare und werteste Cordt von Mandelsloh, Barteldes Sohn, dem Gott gnädig sei. 
Die drei Wappen gehören zu den Familien v.Landesberg, v. Mandelsloh und v.Langen.

Lulef Lesbarch, 1569

Der Stein des Lulef Lesbarch steht an der Nordwand rechts neben der Tür. Die Grabplatte zeigt den Verstorbenen als Beter vor dem mit einem Lendentuch bekleideten Christus, der auf einem Stuhl sitzt. Dieser Bildtypus, in der christlichen Kunst "Christus im Elend" oder "Christus in der Rast" genannt, gehört in den szenischen Zusammenhang der Passion: Christus sitzt ermattet von der Geißelung und dem Tragen des Kreuzes und erwartet den Kreuzestod. Er stützt sein Haupt in die Hand und bezeugt mit dieser alten Gebärde der Klage und der Trauer seinen Zustand. Die Darstellung des "Christus im Elend" findet sich auf Grabplatten, vor allem aber auf plastischen Andachtsbildern, vor denen sich der Betrachter in das Leiden des Erlösers versenken konnte.
In den Ecken der beschrifteten Umrandung sind vier Erzengel mit Schriftbändern in Medaillons abgebildet. Die beiden oberen lassen sich noch als Gabriel und Michael identifizieren. Der umlaufende Text lautet IM IAHR NA CHRIS GEBORT MDLXIX AMDAGE MICHAELS IS HER LULEF LESBARCH JN GODT ENTSLAPEN OSE 13 DE DOIDT JS VORSCHLUNGEN INDER AVERWININ ER 3 CORIN GADE SI DANCK DE UNS DE AVERWINIGE GEVEN HAT DURCH JHESUM CHRISTUM UNSEN LEVEN HEREN AMEN. (Im Jahr nach Christi Geburt 1569 ist Herr Lulef Lesbarch in Gott entschlafen. Der Tod ist verschlungen in der Überwindung ... Gott sei Dank, der uns den Sieg (die Überwindung) gegeben hat durch Jesus Christus, unseren lieben Herren. Amen. (nach 1. Kor 15, 54-57). Der Stein war lange an der Außenwand der Kirche angebracht und ist daher stärker verwittert als andere.
 

Graf Johann v. Wunstorf, 1334

Hinter dem Taufstein hängen zwei der ältesten Grabplatten der Stiftskirche. Grabplatte des Grafen Johann v. Wunstorf 1334 Die eine Grabplatte stellt Graf Johann von Wunstorf und Roden dar. Als Herr über Stift und Stadt hält er in seinen Händen die Zeichen seines Standes, Schwert und Wappenschild.
Der steigende Löwe auf dem Schild ist noch heute im Wunstorfer Stadtwappen zu sehen. Als Sterbedatum des Grafen nennt die in gotischen Großbuchstaben ausgeführte Inschrift den Tag des hl. Ambrosius (4. April 1334). Auf der zweiten Grabplatte ist Graf Johann, wiederum mit Schwert und Wappenschild, an der Seite seiner 1358 verstorbenen Ehefrau Walburgis abgebildet. Die Figuren sind auf beiden Platten in Ritztechnik wiedergegeben. Schwache Reste zeigen, daß die eingetieften Umrißlinien ursprünglich mit farbigem Kitt sichtbarer gemacht waren. Hinter den Köpfen der Verstorbenen sind stilisierte Kissen zu sehen, sei altersher Symbole des Todes. Daß der Bildhauer beider Grabplatten freilich mehr als nur die Macht des Todes kannte, zeigt die Darstellung des gräflichen Paares. Es fällt auf, daß beide Verstorbenen ohne Rücksicht auf ihr wirkliches Sterbealter als jüngere Menschen in dem Alter abgebildet sind, in dem einst Christus gestorben und auferstanden ist. In der mittelalterlichen Kunst ist diese Darstellungsweise ein symbolischer Hinweis auf die Hoffnung der Auferstehung, die auch den jetzt Verstorbenen gilt.
 

Sophie von Münchhausen, 1751

Rokoko-Epitaph der Sophie von MünchhausenEin abschließender Blick gilt dem Epitaph der 1751 verstorbenen Stiftsdechantin Sophie von Münchhausen, das an der Ostwand des nördlichen Querschiffs über dem Taufbecken hängt. Von dem bedeutenden hannoverschen Bildhauer Johann Friedrich Ziesenis ohne Bildnis der Verstorbenen aus Stuck modelliert, schließt es eine Konsole mit vollfiguriger Putte, eine Inschrifttafel, sechzehn Wappenschilde und eine Freiherrnkrone zu einem lebhaft schwingenden, unsymmetrischen Ornament des Rokoko zusammen. Ein Vergleich mit den darunter angebrachten schlichten gotischen Grabplatten des Wunstorfer Grafenpaares zeigt anschaulich, welche Entwicklung die christliche Grabmalkunst im Laufe von vierhundert Jahren genommen hat. Gleichbleibend aber ist, daß auch dieses prachtvolle Rokoko-Epitaph im Unterschied zu so manchem heutigen Grabmal nicht nur auf das Leben der Verstorbenen zurückschaut, sondern die Hoffnung auf "das Unvergängliche, was droben im Himmel" im Blick behält.
 

Der Taufstein

Der TaufsteinDer neugotische Taufstein hat keinen besonderen kunsthistorischen Wert. Er ist zum Ende der großen Renovierung von 1858 in die Kirche gekommen. Wie viele Gebrauchsgegenstände dieser Zeit in der Stiftskirche wurde er von Wellenstein aus hellem Sandstein angefertigt.

Der Martinsstein

Der MartinssteinSt. Martin ist auf dem (Opferstein) am Seiteneingang zum nördlichen Querschiff abgebildet. Der heilige St. Martin von Tours, der der Legende nach seinen Mantel mit einem Bettler teilte, ist zum Symbol christlichen Teilens geworden. Der hohle Stein am Ausgang diente ursprünglich dazu, Spenden für Bedürftige zu sammeln. Heute dient er als Kasse für den Schriftenstand. Der neugotische Stein trägt die Jahreszahl 1859, d.h. er ist zum Abschluß der großen Renovierung des 19. Jhd. in die Kirche gekommen. 
 

 

Die mittelalterlichen Darstellungen der Kirchenpatrone Cosmas und Damian

In einer Urkunde von 1250 werden Cosmas und Damian erstmals im Zusammenhang mit der Wunstorfer Stiftskirche genannt: "Ecclesia Beatorum Cosmae et Damiani Martyrum - Kirche der heiligen Märtyrer Cosmas und Damian". Wer waren diese heiligen Märtyrer Cosmas und Damian, denen die nach einer Brandkatastrophe neuerbaute Stiftskirche vermutlich schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts geweiht worden war, während der Vorgängerbau noch unter dem Patronat des heiligen Petrus stand?
Bevor wir ihre bildlichen Darstellungen näher betrachten, einige Informationen über ihr Leben und ihre Verehrung, die als historisch gesichert gelten:
Cosmas und Damian waren Zwillingsbrüder, die als Ärzte am Ende des 3. Jahrhunderts in der Hafenstadt Ägea in Kilikien, an der Südküste Kleinasiens, wirkten. In der Nachfolge Christi heilten sie unentgeltlich Menschen und Tiere und bekehrten durch ihren vorbildlich gelebten Glauben viele Heiden zum Christentum. Um 303 wurden sie in der Christenverfolgung des römischen Kaisers Diokletian nach vielen Folterungen enthauptet. Schnell breitete sich ihre Verehrung aus. Als erste orientalische Heilige wurden sie bereits im 4. Jahrhundert in den römischen Meßkanon aufgenommen. Im 6. Jahrhundert wurde zu ihren Ehren in Rom am Forum Romanum die Basilika SS Cosma e Damiano erbaut, das bedeutendste Cosmas- und Damian-Heiligtum im Westen.
Von Rom aus gelangte der Kult dann in die Länder nördlich der Alpen. 
So weihte Bischof Alfried von Hildesheim im 9. Jahrhundert das von ihm erbaute Damenstift in Essen und den Hildesheimer Dom u.a. Cosmas und Damian. Im 10. Jahrhundert holte Bischof Adelag Cosmas- und Damian-Reliquien in den Bremer Dom. In der Folgezeit strahlte die Verehrung der beiden Arztheiligen von Hildesheim und Bremen in den gesamten norddeutschen Raum aus. Zahlreiche Kirchen und Kapellen wurden ihrem Patronat unterstellt, u.a. in Goslar, Stade, Schleswig und Flensburg. In Wunstorf wählte man sie vermutlich als Kirchenpatrone der Stiftskirche, weil die Stiftsdamen den Auftrag der Kranken- und Armenpflege hatten. Dadurch wurden Cosmas und Damian auch Namenspatrone vieler Wunstorfer Bürger, wie das mittelalterliche Einwohnerverzeichnis ausweist. Weiter gelten sie als Schutzpatrone der Ärzte, später auch der Apotheker. Der katholische Heiligenkalender nennt den 27. September als ihren Gedenktag. An diesem Tag wurde seit dem 13. Jahrhundert das jährlich wiederkehrende Kirchweihfest im Wunstorfer Stift gefeiert, wie aus einer Urkunde des Jahres 1284 hervorgeht.
Betrachten wir nun die mittelalterlichen Darstellungen der beiden Heiligen in der Stiftskirche näher: 
Abbildung 10Abbildung 10Der hölzerne Altarschrein in der nördlichen Seitenapsis, der aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammt, zeigt Cosmas und Damian in der unteren Figurenreihe mehrerer Heiliger unmittelbar neben dem Mittelfeld mit der Ankündigung der Geburt Christi. (Abb. 10)
Schon frühzeitig hatte sich in der christlichen Kunst der Brauch herausgebildet, Heilige zur besseren Unterscheidung mit einem besonderen Kennzeichen, einem sogenannten Attribut, zu versehen. Dieses Attribut wies entweder auf das Martyrium eines Heiligen hin (zum Beispiel ein Schwert, mit dem er enthauptet wurde) oder war charakteristisch für seine Tätigkeit. Die Cosmas- und Damian-Figuren unseres Altarschreins tragen Attribute ärztlicher Tätigkeit in der Hand. Dabei fällt eine Unterscheidung auf, die die besondere Entwicklung des ärztlichen Berufsstandes im Mittelalter widerspiegelt. Cosmas galt als Vertreter der akademischen Ärzteschaft. Deshalb sehen wir ihn links neben dem Mittelfeld mit einem Harnglas, dem damals wichtigsten Diagnosegerät des studierten Arztes. Am rechten Rand des Mittelfeldes dagegen erkennen wir Damian. Als Vertreter der damals weithin handwerklich ausgebildeten Wundärzte und Bader, die auch berechtigt waren, Medizin herzustellen, trägt er eine Salbenbüchse. Direkt über Cosmas und Damian stehen Figuren der Apostel Petrus und Paulus. Diese Zuordnung der beiden wichtigsten Apostel zu Cosmas und Damian ist nicht zufällig. Der Künstler unseres Altarschreins wollte damit den verehrungswürdigen Rang der beiden heiligen Arztbrüder hervorheben - ein altes Motiv, das schon bei einem Mosaikbild der oben erwähnten Basilika SS Cosma e Damiano vorkommt.
Abbildung 11Die zweite mittelalterliche Cosmas- und Damian-Darstellung entdecken wir in der gotischen Türnische der 1853 abgebrochenen Nonnenempore im nördlichen Kreuzarm der Stiftskirche. (Abb. 11) Die um 1500 geschaffenen hölzernen Heiligenfiguren, die später steinfarben angemalt worden sind, stehen auf den Kapitellen zweier kurzer romanischer Säulen. Links erkennen wir Cosmas mit dem Harnglas, rechts Damian mit der Salbenbüchse.
Auch hier also ist der Künstler der mittelalterlichen Unterscheidung gefolgt, die wir schon bei den Figuren des Altarschreins beobachten konnten. Als zusätzliches Attribut tragen beide Stiftsheiligen ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, das als Buch des Glaubens zu deuten ist, für den sie ihr Leben ließen.
Abbildung 12Bezeugen die mittelalterlichen Cosmas- und Damian-Darstellungen, welche besondere Verehrung diese beiden Heiligen in vorreformatorischer Zeit im Wunstorfer Kanonissen- und Chorherrenstift fanden, so wundert sich mancher Besucher von heute, daß lange nach der Reformation noch zwei weitere neuzeitliche Cosmas- und Damian-Statuen am Hochaltar von 1859 (Attribute: Mörser, bzw. Salbenbüchse und Buch, Abb. 12: Cosmas), sowie ein Holzrelief Abbildung 9beider Heiligen am Chorgestühl von 1850 (Attribute Salbenbüchse und Palmenzweig als Siegeszeichen der Auferstehung, Abb. 9) für das evangelische Stift angefertigt worden sind. Ist die Heiligenverehrung nicht ausschließlich Bestandteil des katholischen Glaubens? Ein weitverbreitetes Mißverständnis, wie ein Blick in das Augsburger Bekenntnis von 1530 zeigt. In diesem bedeutenden Glaubensdokument der protestantischen Kirche werden die evangelischen Christen aufgefordert, der Heiligen zu gedenken und sich ein Beispiel an ihren guten Werken zu nehmen. Dazu wollen auch die Cosmas- und Damian-Darstellungen in der Stiftskirche anregen. 
 

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